Ist Bloggen umweltfreundlich?

Erste Konsumauszeitwoche

Am vierten November kam der Postbote endlich mit der Kottarashky-Schallplatte, dich ich vor zwei Monaten vorbestellt hatte. Kottarashky, ein Bekannter aus Bulgarien, heißt in Wirklichkeit Nikola Gruev, und besitzt die Frechheit, gerade in der ersten Konsumauszeitwoche sein drittes Album zu veröffentlichen. Eine 180 Gramm schwere Vinyl-Schallplatte in einer Zeit zu erhalten, in der Musik immer mehr ohne physischen Träger gehört wird,  könnte während der Konsumauszeit als eine große Sünde betrachtet werden. Ich liebe es, Schallplatten auszupacken, die graphischen Kunstwerke, die die Funktion haben, die Schallplatte zu schützen, zu berühren, dann die Schallplatte aufzulegen, die Rillen zu betrachten, ahnend, wie sich die Lautstärke der Musikstücke entwickeln werden, noch ohne einen einzigen Ton gehört zu haben, dann sanft die Abtastnadel aufzusetzen und den ersten Ton zu erwarten.

Soweit die Gefühle.

Der Verstand fragt aber irgendwann – wie viel Polyvinylchlorid, wie viel Energie wurden für die Herstellung benötigt? Ein Download wäre doch sicherlich viel umweltfreundlicher.

Gefühle: Schämen.

Der Verstand wäre zufrieden, wenn ich nie wieder ein physisches Buch oder eine Schallplatte kaufen würde. Gänsehaut beim Auflegen einer Schallplatte? Und das auf Kosten der Umwelt? Mein Verstand könnte eine Ökodiktatur einführen. Im November heizen? 14° in der Wohnung reichen doch. Wozu hat man mehrere Pullover? Das Heizen ist in Deutschland der allergrößte Umweltverschmutzer. Mit Heizen verschwenden wir unglaubliche 20 000 KWh im Jahr. Dagegen wäre sogar die Energie, die für die Herstellung einer Schallplatte benötigt wird, ein Witz. Wo ist die Partei, die endlich ein deutschlandweites Heizverbot durchsetzen wird?

Halt! Am 1.11., am ersten Konsumauszeittag, wurde ich krank. Fieber. Schüttelfrost. Dass ich selbst die Wohnung mit meinen 39° aufgeheizt habe – übrigens heizen wir alle auch ohne Fieber unsere Umgebung mit der Leistung einer 100 Watt Glühbirne auf – habe ich nicht gemerkt. Die 20° im Zimmer kamen mir wie -20° vor. Und was tat ich? Ich gestehe – die Heizung aufgedreht. Es folgten vierzehn Stunden Schlaf. Am nächsten Morgen waren es schon 25° in der Wohnung, die mir aber weiterhin sehr winterlich vorkamen. Ja, ich bin ein Umweltzerstörer! Höre Schallplatten und heize während der Konsumauszeit! Und lese 18 Konsumauszeitblogs. Papierlos. Mit einem Laptop, der 45 Watt in Wohnungswärme umsetzt. Ist das Schreiben und Lesen von Blogs umweltfreundlich? Wäre das Internet ein Land, hätte es nach einer Studie von Greenpeace den weltweit sechstgrößten Stromverbrauch. „Der Energiebedarf deutscher Rechenzentren liegt momentan bei zehn bis fünfzehn Terawattstunden – je nachdem welche Bilanzgrenzen man da zieht“ sagt der Energieexperte Clemens Rhode des Frauenhofer-Instituts. Um den Energiebedarf der Rechenzentren zu decken, bräuchte es alleine vier mittelgroße Kohlekraftwerke. Weltweit wären 25 Atomkraftwerke notwendig, um genügend Strom für das Internet zu produzieren. Der Verbrauch vieler IT-Unternehmen ist mit dem Strombedarf einer Stadt vergleichbar. Laut „New York Times“ verbrauchen zum Beispiel die Datenzentren von Google so viel Strom wie eine 200.000-Einwohnern-Stadt. Und ich wollte doch nur eine umweltfreundliche Blog-Konsumauszeit verbringen… Wie schalte ich meinen ökologischen Diktator-Verstand aus? Hilfe!

 

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